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Warum dürfen bei den Bienen die Jungs nicht bleiben, wenn es kuschelig wird? Und was hat es mit den sexuellen Ausschweifungen einer jungen Königin auf sich? Dieses Buch gibt die Antworten. Es erzählt vom Leben in einem Bienenvolk und lädt ein zu einem Gang durch die Honigfabrik, die es betreibt. Eine Welt voller eigenwilliger Typen, cleverer Praktiken und verblüffender Regelwerke. Denn auch wenn es so aussieht, als herrsche bei den Bienen vor allem anarchische Krabbelei: Sie haben einen Plan, den sie mit erstaunlichem Geschick, faszinierenden Fähigkeiten und in beeindruckender Teamarbeit umsetzen.

»„Die Honigfabrik“ beschreibt ganz wunderbar und höchst unterhaltsam das Leben der Bienen und die gemeinsame Vergangenheit von Biene und Mensch, mit einem Blick in die Zukunft dieser Partnerschaft mit gegenseitiger Abhängigkeit. Das Buch ist eine Fundgrube für Bienenkenner und Laien gleichermaßen und eine Falle für jeden Leser, der bisher noch nicht für die Bienen schwärmt.« (Peter Maffay (Peter Maffay Stiftung)) 


Autoren

Jürgen Tautz, geboren 1949, ist ein international anerkannter Bienenexperte und Professor em. am Biozentrum der Universität Würzburg. Seit 2006 leitet er das interdisziplinäre Projekt HOneyBee Online Studies (HOBOS). Tautz ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen und wurde für die populäre Vermittlung wissenschaftlicher Inhalte vielfach ausgezeichnet.

Diedrich Steen, geboren 1963, arbeitet als Programmleiter in einem Buchverlag. In seiner Familie werden seit mehr als 100 Jahren Bienen gehalten. Er selbst imkert seit 20 Jahren.


Leseprobe

Callboys für die Königin–die Drohnen

Jetzt soll es erst einmal um die Herren der Schöpfung gehen. Denn es gibt sie, die Männer unter den Bienen, und sie erfüllen praktisch jedes Klischee, das es in puncto Männlichkeit gibt. Drohnen, wie die männlichen Bienen genannt werden, sind sozusagen die Insekt gewordene Form des »typischen Mannes«. Sie haben riesige Augen, mit denen sie prima gucken können. Nach den Mädchen natürlich. Wenn sie sich nicht gerade herumtreiben, hängen sie im Stock herum, stehen im Weg oder lassen sich bedienen. Und im Kopf haben sie immer nur–ja, was wohl?

Halber Kerl statt ganzer Mann. Es fängt schon damit an, dass Drohnen eigentlich nur halbe Frauen sind. Legt eine Königin ein Ei, dann prüft sie, bevor sie ihren Hinterleib in die Wabenzelle bringt, zunächst mit den Fühlern an ihrem Kopf die Größe der Zelle. Ist der Durchmesser der Zelle klein, dann legt sie am Boden ein Ei ab, das sie noch in ihrem Leib mit einem Spermium versehen und so befruchtet hat. Aus einem befruchteten Ei wächst eine Arbeiterin heran. Ist der Durchmesser der Zelle jedoch größer, dann bekommt das Ei kein Spermium und wird nicht befruchtet. Aus einem nicht befruchteten Ei wächst ein Drohn heran, der – genetisch betrachtet – nur ein halbes Wesen im Vergleich zur Arbeiterin ist. Er hat nur den Chromosomensatz der Königin, der im Ei enthalten ist, und nicht den zusätzlichen Chromosomensatz aus dem männlichen Spermium.

Johann Dzierzon, ein katholischer Pfarrer, der dieses Phänomen im 19. Jahrhundert zuerst beschrieb, bekam übrigens ziemlichen Ärger mit seiner Arbeitgeberin: In der Kirche wollte man es zunächst nicht wahr haben, dass außer Maria, der Himmelskönigin und Mutter Jesu, auch noch andere Königinnen männliche Nachkommen ohne das Zutun eines Mannes hervorbringen können. Nach einigem Hin und Her bekam Dzierzon dann aber doch die Ehrendoktorwürde. Schließlich bringt die Bienenkönigin keine Erlösergestalten auf die Welt, sondern nur Bienenkerle.

Genetisch defizitär ausgestattet, braucht es dann auch seine Zeit, bis aus einem in einer Drohnenzelle abgelegten Ei der fertige Drohn zum Vorschein kommt. Schlüpft eine Königin 16 Tage nach Eiablage und eine Arbeiterin 21 Tage danach, dann braucht ein Drohn 24 Tage bis zum Schlupf. Langsam sind sie also auch. Und faul: Eine Arbeiterin macht sich nach dem Schlupf sofort daran, die Zelle, aus der sie geschlüpft ist, zu putzen und geht unmittelbar danach in den Putzdienst. Ein kleiner Drohn macht erst einmal – nichts.

Und danach geht er betteln. In den ersten Tagen nach dem Schlupf wird der junge Drohn von den Arbeiterinnen mit Futtersaft versorgt. Ist er dann etwas zu Kräften gekommen, bedient er sich selbst an den Vorräten. Er lungert im Stock herum, nascht am Nektar und nimmt viel Pollen zu sich. Diese eiweißreiche Ernährung ist besonders wichtig für ihn, damit er der Aufgabe, die ihm zukommt, gerecht werden kann: Drohnen sind die Callboys im Bienenvolk. Ihre Aufgabe ist es, paarungswilligen jungen Königinnen zu Diensten zu sein und diese zu begatten. Acht bis zehn Tage nach dem Schlupf ist der Knabe dann auch zum Manne gereift. Der Drohn ist geschlechtsreif und trägt in seinen Hoden, verborgen in seinem voluminösen Hinterleib, etwa 10 Millionen Spermien bei sich.

Dieses Potenzial an Fruchtbarkeit macht unruhig.


(Textquelle und Bezugsquelle: www.amazon.de)